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      Potenzial Hochsensibilität

Mit allen Sinnen ...

Hochsensible Menschen nehmen über ihre Sinne Reize oft überdeutlich wahr. Meistens denken wir in diesem Zusammenhang an unsere fünf Sinne: Hören, Sehen, Schmecken, Tasten, Fühlen. Es gibt jedoch noch viele weitere, die ich hier nennen möchte, weil sie das alltägliche Erleben wesentlich mitbestimmen und beeinflussen: Temperatursinn, Gleichgewichtssinn, Schmerzempfinden, Sinn für das eigene Körpergefühl im Raum (Propiozeption), Wahrnehmung innerer Organe, Gelenke, Muskeln, Sehnen, Wahrnehmung von Juckreiz, Über-Sinn.

 

Merkmale einer hochsensiblen Persönlichkeit

Die Gefahr der Überreizung ist für eine HSP stets gegeben. Bis zu einem gewissen Grad kann ich darauf Einfluss nehmen, indem ich z.B. entsprechend auf das Frühwarnsystem meines Körpers reagiere, mich erde und zentriere, für ausreichend Schlaf, Nahrung und Bewegung sorge, mir Selbstregulationsmechanismen aneigne, meine Grenzen kenne, achte und sozial verträglich und verständlich kommuniziere etc. Eine Überreizung lässt sich jedoch nicht gänzlich vermeiden, mit diesem "Restrisiko" muss ich als HSP leben. Die hier gemeinte genetisch verankerte Hochsensibilität hat immer zwei Seiten. Eine Überreizung kann im positiven wie im negativen Sinne erfolgen. Es gibt auch ein "zuviel des Guten". Dem entsprechend bereiten mir bestimmte Geräusche und Lärm beispielsweise Unbehagen oder sogar Schmerz. Das Hören einer bestimmten Melodie oder einer besonderen Stimme, das Rauschen des Windes in den Bäumen, das fast lautlose Rieseln von Schnee, das Prasseln eines Feuers etc. lösen Ergriffenheit, Entzücken und Behagen aus. Ich empfinde tiefe Traurigkeit und sehr dunkle Momente genauso wie intensive Glücksmomente. Ich bin "nah am Wasser gebaut" und werde schnell emotional ergriffen - im positiven wie im negativen Sinne. 

Die Komforzone ist schmaler und instabiler als die normalsensibler Menschen, d.h. mein "Wohlfühlmodus" oder mein optimales Erregungsniveau muss häufiger korrigiert, modifiziert, reguliert werden. Dies geschieht zu einem großen Teil unbewusst, nebenbei, kostet jedoch Energie. Allein durch diese ständige Aktivität verlieren HSPs Kraft, wodurch sie auch schneller erschöpfen.

Viel Energie und Zeit benötigen sie auch für die Verarbeitung der reichlich aufgenommenen Reize, Informationen, Eindrücke ... Scheinbare Kleinigkeiten können sich regelrecht in den Körper und in die Gedanken einschreiben. Dort kreisen sie dann unendlich, werden immer und immer wieder durch- und zerdacht, von allen möglichen Ebenen aus betrachtet. Dieses manchmal lange Nachhallen bestimmter Bilder, Wörter, Stimmungen, Eindrücke ist symptomatisch und kann sich wie ein Film über das gegenwärtige Erleben legen, so dass keine wirkliche Präsenz und Aufmerksamkeit mehr möglich ist. Dann liegt man vielleicht Stunde um Stunde im Bett und bringt sich vor lauter Grübeln um den Schlaf.

Viele hochsensible Menschen befinden sich deshalb in einem Zustand von Dauerstress und sind anfällig für alle möglichen Stresskrankeiten. Eine fortwährende Überflutung des Körpers mit Stresshormonen bleibt jedoch nicht folgenlos. Je länger sie anhält, desto schwerwiegender sind die Folgen, d.h. die Auswirkungen auf die Organe und ihre Funktionen wie beispielsweise die Schwächung oder Unterdrückung des körpereigenen Abwehrsystems. Schlafstörungen, Fahrigkeit, Vergesslichkeit, Konzentrationsmangel, chronische Darmentzündungen, Rückenleiden können durch anhaltenden und nicht abgebauten Stress verursacht werden. Stress haben wir jedoch nicht, um krank zu werden, sondern um etwas zu verändern: uns und unsere Verhaltensmuster. Krank werden wir, wenn wir uns weigern hinzuschauen, Angst oder Schmerz zuzulassen, Herausforderungen aus dem Weg gehen, unserer inneren Stimme kein Gehör schenken, Körpersignale übergehen etc.

Somit ist es notwendig, sich diesem Thema ganz besonders zu widmen.

 






Für meine Arbeit ist das Erleben und Stärken der positiven Aspekte hochsensibler Wahrnehmung bestimmend und zielführend. 

Da viele HSP´s negativ fokussiert sind oder die Neigung zu einer solchen haben, erachte ich es als notwendig, die Aufmerksamkeit auf die Stärken und Kompetenzen zu legen und somit den Versuch eines oft heilsamen Ausgleichs anzustrengen. 

 

Der (Selbst-)Zweifel

Über die Fähigkeit des Zweifelns habe ich schon an anderer Stelle geschrieben. Ich führe sie hier nochmals auf, weil ich sie für eine gute und wichtige halte - sofern sie nicht überstrapaziert wird. Der Zweifel und das Hinterfragen, das nicht nur im "stillen Kämmerlein" erfolgt, sondern offen-sichtlich, mit dem Wunsch nach Antworten, Erklärungen, Erkenntnis und des verstehen wollens, bringt Bewegung, Veränderung, Entwicklung, Auseinandersetzung, Begegnung. Nicht selten Enttäuschung, genauso aber auch Begeisterung und Einsicht.

Um etwas in Frage zu stellen, bedarf es eines gewissen Mutes, weil man damit unter Umständen an lieb gewonnenen Pfeilern rüttelt oder an Ästen sägt, hierarchische Strukturen durchkreuzt, Ängste hervorruft und nicht selten auf Widerstand oder Ablehnung stößt. Fällt jedoch ein Zweifel auf fruchtbaren Boden und darf sich zu Fragen entwickeln, die keine Bedrohung oder unbequeme Störung darstellen, beginnt eine mitunter abenteuerliche und aufregende Reise in bekannte und unbekannte Gebiete. Angetrieben von dem Wunsch, sich und die Welt verstehen zu wollen und der Überzeugung, dass man sich irren kann. Und diese Überzeugung ist immens wichtig, weil sie hochsensible Menschen von narzistisch-gestörten Menschen unterscheidet. Obwohl diese in ihrem Selbstwert zutiefst erschüttert sind, lassen sie Zweifel nicht an sich heran. Im Zweifelsfall sind die anderen, die Umstände etc. schuld. Hier findet sich also eine hauchdünne aber deutliche Trennlinie zwischen einem Wesensmerkmal und einer Persönlichkeitsstörung.

 

Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion

Elaine N. Aron spricht von Verarbeitungstiefe als einem wesentlichen Merkmal von Hochsensibilität. Gemeint ist die Fähigkeit, aufgenommene Eindrücke, Informationen und Reize besonders vielschichtig, gründlich und differenziert zu verarbeiten. Hochsensiblen Menschen fällt es i.d.R. leicht auf die Metaebene zu gehen und über ein bestimmtes Verhalten, über Denkmuster, Gefühle etc. nachzudenken. Für viele ist das tägliche Praxis, selbstverständlich. Die Fähigkeit zur (Selbst-)Reflexion und die des (Selbst-)Zweifelns gehen Hand in Hand. Es findet eine permanente Überprüfung, ein Abgleich und Einordnen statt und zwar mehrdimensional. Da stößt man dann auch eher mal auf Unstimmigkeiten, Ungereimtheiten und Fehler.

Die Wahrnehmung der Komplexität aller möglichen Dinge - belebt und unbelebt - erschwert hochsensiblen Menschen oftmals eine (schnelle) Entscheidungsfindung oder das Fällen eines endgültigen Urteils bzw. Ziehen eines Schlusses. Weil man weiß, dass man eigentlich nichts weiß und das auch nur, bis das Gegenteil oder etwas anderes bewiesen ist :-)

Nichts desto trotz ist die Selbstreflexion eine ganz wunderbare Fähigkeit, die vor allem auch im beruflichen Kontext eine wichtige Rolle spielt. Leider wird darauf z.B. bei der Ausbildung von LehrerInnen noch viel zu wenig Wert gelegt und Selbstreflexion nicht als notwendige und gängige alltägliche Praxis vermittelt.

 

Das Goldmarie-Syndrom

Hochsensible Menschen erkennen oftmals Handlungsbedarf und fühlen sich schnell bzw. leicht verantwortlich: da sollte, da müsste etwas getan werden, also ...! Meist geschieht das in Verbindung mit einem gewissen Anspruch und wenn eine HSP dann erst einmal dabei ist fällt es ihr schwer, das Begonnene zu unterbrechen und nicht zu einem guten = perfekten Ende zu bringen. Dazu geht sie über ihre eigenen Grenzen. Egal, wie spät es ist, wie hungrig oder durstig sie ist oder wie erschöpft: das hier muss noch unbedingt getan werden!


Bestimmt kennen Sie das Märchen von Frau Holle: Gold- und Pechmarie, die ungleichen Schwestern. Und die verwitwete Mutter.

Die ungeliebte Tochter wird von ihr jeden Tag hinaus auf "die große Straße bei einem Brunnen" zum Spinnen geschickt. Diese Arbeit ohne Liebe, Anerkennung und ohne Sinn schwächt die Tochter grundlegend. Sie verliert im übertragenen Sinne Lebenskraft (Blut) und die Verbindung zu sich selbst. Das negative Mutterbild hat sie dazu gebracht, über ihre Grenzen hinaus zu arbeiten, nur noch zu funktionieren und Leistung zu erbringen, um wenigstens scheinbar dazugehören zu dürfen und nicht völlig sich selbst überlassen zu sein.

In einer Umgebung mit Menschen, die in erster Linie den äußeren, materiellen Dingen zugetan sind, findet jemand, der nach innen gewandt ist und hinter die Dinge blicken kann, meistens schlechte Bedingungen vor. Es gelten Regeln, die zu Verwirrung und Verletzungen führen und eine Außenorientierung erzwingen. So macht ein Mensch, der in einer solchen Gesellschaft aufwächst die schmerzhafte Erfahrung, dass seine Wahrnehmung und sein Wesen hier nicht passen und keinen Wert haben. Seine Integrität wird tief erschüttert, Selbstzweifel und Entfremdung bestimmen Denken, Fühlen und Handeln und Leistung wird zum kompensatorischen Feigenblatt für die Scham, die empfunden wird, weil die herrschenden Normen und Werte immer und immer wieder Unbehagen, Angst, Schmerz und Verzweiflung, Befremden etc. auslösen und die Anpassung einfach nicht gelingen will - so sehr man sich auch bemüht. Trotz der Selbst-Opferung kommt man dem Ziel keinen Schritt näher - wenn man auch oberflächlich Ankerkennung und vielleicht sogar Erfolg erhält. Diese hohlen Bestätigungen und die mit ihnen verbundene Aufmerksamkeit lenken ab vom eigentlichen Unglück und werden schließlich zur Sucht. 


Als die Tochter das Blut von der Spindel waschen will und diese in den Brunnen fällt, hätte es einer Mutter bedurft, die sie bestürzt ob der Verletzung in die Arme nimmt und tröstet. Die Mutter im Märchen jedoch ist unbarmherzig und schickt sie wieder auf die Straße, zum Brunnen mit dem Auftrag, die Spindel nur ja wieder zu holen. Die folgsame und innerlich tief verunsicherte Tochter springt also in den Brunnen und landet in einer völlig anderen Welt. Nicht auf einer Straße, sondern auf einer blühenden, sonnenbeschienenen Wiese. Und dort wird sie vom Brot dazu angehalten, es vor dem Verbrennen zu retten und vom Apfelbaum, ihn von der Last seiner Früchte zu befreien. Das Mädchen erkennt die Notwendigkeiten und packt an. Diese Arbeiten haben einen Sinn und kommen seiner empfundenen Verbindung zur Natur und zu den alltäglichen guten Dingen des Lebens, die einen nähren, entgegen. Hier ist eine ganz andere Art von Arbeit zu leisten und hier trifft das Mädchen auf eine ganz andere Mutterfigur. Eine, die es freundlich empfängt, "liebes Kind" nennt und gut für sein leibliches Wohl sorgt. Zu dieser neuen Arbeit wird es nicht gezwungen, hier kann es sich entscheiden. Die "Arbeit im Haus" ist eine liebevolle und gründliche Beschäftigung mit seinem Selbst, die darüber hinaus die Umgebung verschönert und für Behagen sorgt.


Zu dieser Arbeit gehört ganz wesentlich das regelmäßige Aufschütteln des Bettes. Es muss etwas in Bewegung geraten, sichtbar werden in der Welt. Es ist wie ein Wunder: das Mädchen ist auf dem Weg zurück zu seinem inneren Kern, seinem Wesen. Dort, im Reich von Frau Holle, kann es im Einklang mit sich selbst leben und arbeiten und aus dem Inneren heraus (Haus) entwickelt sich etwas im Außen (Schnee). Das Innere manifestiert sich im Außen. 

Nach einer gewissen Zeit möchte das Mädchen trotzdem wieder nach Hause. Es ist nun innerlich so gestärkt, dass es diesen Schritt ohne Gefahr unternehmen kann. Es geht hier um das Bestehen in der äußeren Welt - mit der neu gewonnenen Gesinnung, die zwar das Ergebnis seines innerlichen Prozesses ist, durch die Belohnung (Goldregen) jedoch auch sichtbar wird. Somit trägt es einen äußerst kostbaren Schatz mit sich heim, einen inneren Reichtum.

Damit hat Goldmarie die Voraussetzung dafür geschaffen, auch im Außen und in der materiellen Welt Wohlstand zu erlangen. Im Einklang mit ihrem Wesen kann sie nun den Weg zu ihrem Glück finden.


Zurück zu Mutter und Schwester, beeindruckt Goldmarie mit ihrem Reichtum. Die Schwester wird von der Mutter angehalten, den selben Weg zu gehen und ebenfalls den goldenen Segen zu empfangen. Pechmarie geht jedoch diesen Weg nach innen nicht und sie will auch nichts riskieren. Deshalb folgt sie nicht dem Ruf des Brotes oder des Apfelbaums. Sie ist auf den Reichtum am Ende fokussiert und macht nur zur Beginn ohne Überzeugung oder Engagement die Hausarbeit. Kurz darauf verliert sie jedoch die Lust und so erlebt sie auch nicht das Wunder: die Entdeckung des inneren Reichtums. Sie ist sich dieses Schatzes weiterhin gar nicht bewusst und er stellt auch gar keinen Wert für sie dar. Und so wird sie von Frau Holle mit Pech statt mit Gold überschüttet.


Dies ist eine sehr verkürzte Deutung des Märchens. Sie soll hier nur zur Verdeutlichung des von mir bezeichneten Goldmarie-Syndroms dienen.

Ich denke, die Ausführungen machen deutlich, wieso der Drang, etwas zu leisten sowie der Wille zur Anpassung und zum bloßen Funktionieren so stark ist. Er birgt jedoch die Gefahr der Selbstentfremdung, des Burn-Outs und des inneren Stillstands. Der innere Reichtum kann hier nicht zur Entfaltung gelangen, das eigene Potenzial bleibt verborgen. Es ist wie ein Fahren mit angezogener Handbremse. Man läuft äußerlich heiß und bleibt innerlich unberührt, festgefahren in einem Muster, das einem die Lebenskraft und -freude nimmt.

Um seinen Weg finden und gehen zu können, bedarf es einer gründlichen Innenschau. Das ist mit Arbeit verbunden, notwendiger Arbeit, der eine bewusste Entscheidung vorangegangen ist. 

Goldmarie-Syndrom meint also das Steckenbleiben in der äußeren, materiellen, leistungs- und profitorientierten Welt, in der ständigen Anpassung an "die anderen" obwohl dies in die innere Armut führt. Es meint den Hang, sich lieber zu fügen und über die Maßen anzustrengen, statt der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sich selbst eine gute nährende Mutter zu sein.