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      Potenzial Hochsensibilität

The Artist is Present

2010 fand im Museum of Modern Art in New York eine außergewöhnliche Performance mit der Künstlerin Marina Abramovic statt.

3 Monate saß sie jeden Tag 8 Stunden in der Eingangshalle auf einem Stuhl. Zu Beginn gab es einen Tisch und einen weiteren Stuhl, auf dem BesucherInnen des Museums Platz nehmen konnten, um in einen stummen Augenkontakt mit der Künstlerin zu treten. Schnell sprach sich herum, was dort passierte und nach einigen Tagen kamen immer mehr Menschen, so dass es bald lange Warteschlangen gab - schon vor der täglichen Öffnungszeit.

Dieser magische Raum, der dort durch die pure Präsenz der Künstlerin entstand, wirkte wie ein Magnet - und wie ein Spiegel. Marina zentrierte sich vor und nach jedem Kontakt, so dass sie für jede und jeden ganz da sein konnte. Sie nahm bewusst ihren Aufmerksamkeitsstandort in ihrem Inneren, ihrem Körper, ein und fokussierte sich von dort aus nach außen, auf die jeweilige Person, die ihr gegenüber saß. 

Die Buddhisten nennen diesen Zustand "Liebende Güte".

Die Menschen, die mit ihr in den Augenkontakt gingen, sahen sich einer Person gegenüber, die ungewöhnlich offen, wertfrei und gegenwärtig war. Ganz wach und da für den Moment der Begegnung. So gesehen zu werden, war für viele überwältigend.


Viele sehnen sich nach solchen Kontakten und gleichzeitig halten sie die Intensität, die da entsteht und hautnah spürbar wird, kaum aus.


Es war und ist faszinierend zu beobachten, was für eine große Wirkung dieses so einfache und reduzierte Setting hervorrufen kann.

 
 

The Citizen is Present

Inspiriert von dieser beeindruckenden Aktion entstand "The Citizen is Present". Zum ersten Mal kreierten ein paar Menschen rund um Axel Perinchery in Freiburg 2018 auf dem Platz der Synagoge diesen magischen Raum und luden alle Bürgerinnen und Bürger ein, Platz zu nehmen.

Für drei Tage entstand dort ein Begegnungsraum, der dichter und unmittelbarer kaum sein kann.

Durch die gehaltene Präsenz derjenigen, die um den Teppich herumstanden, wurde der Raum definiert und von Tag zu Tag schien sich der Platz dort mehr und mehr aufzuladen. Das Geschehen in der Mitte auf dem roten Teppich fand in einem imaginären, nicht sichtbaren und dennoch sehr präsenten Raum statt. 

Die Wahl des öffentlichen Raums spielte dabei eine wesentliche Rolle und wollte bzw. will daran erinnern, dass die Stadt nicht nur ein Durchgang ist, durch den man von A nach B hetzt. Der öffentliche Raum ist nicht nur zum Konsumieren da, jede und jeder von uns gestaltet ihn mit und kann ihn nutzen. Jede und jeder von uns trägt Verantwortung für das, was dort passiert oder auch nicht passiert, wie sicher oder unsicher, wie angenehm, einladend, inspirierend oder öde er sich darstellt. Der öffentliche Raum als Begegnungsraum, als ein Ort zum Innehalten, des in-Kontakt-Tretens, ohne Worte, ohne Wertung, ohne etwas leisten, vorgeben oder bezahlen zu müssen, ist sehr klein geworden. Das Bedürfnis und die Sehnsucht nach echten, tiefen und authentischen Beziehungen und Kontakten hingegen scheint groß.

The Citizen is Present kann bewusst machen, wie einfach, heilsam und erfüllend es ist, anderen mit liebender Güte zu begegnen. Fremde sind nach dem Augenkontakt nicht mehr fremd, die Stadt fühlt sich an dem Platz anders, sicherer, heller, entspannter an.

Wir alle können solche Räume kreieren und miteinander teilen - und damit dazu beitragen, dass unser Miteinander von mehr Achtsamkeit, Respekt, Mitgefühl und Authentizität getragen wird. Und dass wir die Vielfalt unseres Seins gemeinsam entdecken und würdigen.

 

Inzwischen findet diese Aktion in vielen Städten, nicht nur in Deutschland, statt.

Auch in Leipzig gab es im August 2019 zum ersten Mal "The Citizen is present" in einer ostdeutschen Stadt. Ich war Gastgeberin und mit in einem Team von Menschen, die schon Erfahrungen aus Freiburg und Frankfurt mitbrachten. 

Wir alle bewegen uns im Thomas-Hübl-Feld und / oder sind aktiv als LeiterInnen oder Teilnehmende einer Praxisgruppe.

Diese Aktionen sind stets kostenlos, wir machen das aus Freude und der großen Lust am Sitzen mit und ohne Gegenüber. Es macht Spaß, sich mit unterschiedlichen Plätzen in unterschiedlichen Städten zu verbinden und dort mit den Menschen in Kontakt zu kommen - nicht nur auf dem Stuhl, sondern auch am Rande oder vor bzw. nach einer "Sitzung".


PS: Aus den zwei Tagen in Leipzig ist eine kleine Gruppe hervorgegangen, die sich darüber hinaus dem Thema "Ost-/Westdeutschland" widmen und die immer noch bestehenden, spürbaren und teilweise trennenden Kulturen, Sprachen und Mentalitäten miteinander in Kontakt bringen möchte. Da gibt es den Wunsch nach einem beidseitigen Austausch, der hinter den Vorhang oder unter die oberen Schichten und Klischees schaut, getragen von einem Verstehenwollen, von Neugier und dem Bewusstsein, dass die damalige Trennung alle betrifft - und das Gelingen oder Scheitern einer neuen Verbindung oder Vereinigung ebenfalls in der Verantwortung aller liegt, egal ob ost- oder westdeutsch.